Suchtsystem
Sucht ist mehr als nur Abhängigkeit von Alkohol, Drogen oder Nikotin. Sucht beginnt dort, wo wir die Kontrolle verlieren – und endet oft nicht bei Substanzen, sondern in alltäglichen Verhaltensmustern. Dazu Leonid Tolstoi:
▸ Die Menschen gehen lieber zugrunde als dass sie ihre Gewohnheiten ändern.
Viele Menschen leben unbewusst in einem kollektiven Suchtsystem: Ein Zustand, der so verbreitet ist, dass er als normal gilt – obwohl er uns unfrei macht. Suchtformen lassen sich in zwei große Gruppen einteilen:
Substanzgebundene Süchte:
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Alkohol, Nikotin, Koffein
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Medikamente (z. B. Schmerzmittel, Beruhigungsmittel)
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Zucker, Cannabis, Heroin, Kokain, LSD, Ecstasy, Crystal Meth
Prozessgebundene Süchte:
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Essstörungen, Arbeitssucht, Spielsucht, Kaufsucht
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Kontrollsucht, Beziehungssucht, spirituelle Abhängigkeit
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Fanatismus, Mediensucht, krankhafter Ehrgeiz, Gier
Schon früher wurde das Leiden des Menschen als „Sucht“ bezeichnet – in Begriffen wie: Schwindsucht (Tuberkulose), Gelbsucht (Hepatitis), Fallsucht (Epilepsie), Tobsucht (psychische Erkrankung). Der Begriff „Sucht“ leitet sich vom altdeutschen suht ab – „Leiden“. Ein Hinweis darauf, wie tief diese Dynamik im Menschsein verwurzelt ist.
Co-Abhängigkeit
Ein oft übersehener Bestandteil des Suchtsystems ist die Co-Abhängigkeit. Sie tritt überall auf: in Familien, Schulen, in der Politik, in religiösen Strukturen – und besonders im therapeutischen Kontext. Während Suchtkranke stigmatisiert werden, erfahren Co-Abhängige Unterstützung und Bewunderung.
Lösungsmöglichkeit
Eine individuelle wie kollektive Lösung der Suchtproblematik ist nur durch ein erweitertes Bewusstsein möglich – eines, das sowohl Ursachen als auch Symptome der Sucht erkennt, akzeptiert und transformiert. Meditations- und Achtsamkeitechniken sind hier einwirksame Instrumente: Sie fördern die Selbstreflexion und lassen die Suchtmechanismen leichter erkennen.
Alkoholismus
▸ Alpha-Alkoholismus
Seelische und nervöse Störungen; aus Angst, Gehemmtheit, Spannungszuständen oder aufgrund von körperlichen Leiden oder durch den Eindruck, Anforderungen nicht gewachsen zu sein, wird im Alkohol Erleichterung, Entspannung und Betäubung gesucht. Abhängigkeit entsteht durch regelmäßiges oder häufiges Trinken, ohne dass sich dies zur Sucht entwickelt. Gefahren: Gesundheitliche Schäden und Weiterentwicklung zum "Gamma-Alkoholiker".
▸ Beta-Alkoholismus
Tritt bei seelisch "normal" veranlagten Menschen auf; "Gesellschaftstrinker", die sich gern in trinkfreudigen Kreisen bewegen. Noch keine körperliche Abhängigkeit. Gefahren: Schwere gesundheitliche Schäden (oft verkürzte Lebensdauer) und Weiterentwicklung zum "Gamma"- oder "Delta"-Alkoholismus.
▸ Gamma-Alkoholismus
Vermehrtes Erleichterungstrinken immer stärker und öfter. Neben der seelischen tritt die körperliche Abhängigkeit, die in "Kontrollverlust" einmündet. Weitertrinken bis zum Rausch wird immer häufiger. Dies ist Anzeichen der Sucht. Heilung im Sinn der Rückkehr zu mäßigem Alkoholgenuss ist nur noch schwer möglich. Diese Form des Alkoholismus ist in Deutschland am häufigsten. Gefahren: Vielschichtige Schäden im körperlich-seelischen Bereich. Schwere Störungen und Probleme auch im zwischenmenschlichen und wirtschaftlichen Bereich.
▸ Delta-Alkoholismus
Hier erfolgt ständige Zufuhr von Alkohol. Im Gegensatz zu den vorher genannten Arten kann der Betroffene nicht mehr ohne Alkohol leben, da sonst sofort Entzugserscheinungen auftreten. Er verliert jedoch - im Unterschied zum Gamma-Typ - nicht die Kontrolle darüber, wann oder wie viel er zu einer bestimmten Zeit trinken will. Der starke Alkoholgenuss erfolgt gewohnheitsmäßig und oft über lange Jahre hinweg. Gefahren: Schädigung des zentralen Nervensystems, Charakterveränderungen, Verlust der geistigen Fähigkeiten bis hin zur Verblödung. Auch bei diesem Alkoholiker-Typ kann nur totaler Entzug mit lebenslanger Alkohol-Enthaltsamkeit helfen.
▸ Epsilon-Alkoholismus
Damit sind die sog. Quartalstrinker gemeint, die von Zeit zu Zeit von Unruhezuständen oder Verstimmungen überfallen werden und dann bis zum Kontrollverlust trinken. Das Verlangen nach dem Rausch tritt so plötzlich auf, dass die Betroffenen im Notfall auch zu billigsten Alkoholsorten greifen. Das übermäßige Trinken hält meist mehrere Tage an. Danach sind Epsilon-Trinker in der Lage, völlig normal zu trinken oder sogar ganz auf Alkohol zu verzichten.
▸ Anmerkung:
Die zu den Gamma- und Delta-Typen gehörenden Betroffenen stellen die eigentlich süchtigen Alkoholiker dar, die unbedingt der Hilfe durch eine Beratungsstelle bedürfen. Voraussetzung für eine erfolgreiche Beratung und Behandlung ist die eigene - und nicht beschönigte - Einsicht, dass eine fatale Abhängigkeit besteht. Weiter muss der uneingeschränkte Wunsch nach Hilfe durch eine Beratungsstelle vorliegen. Nur aus dieser Grundhaltung ausgehend, kann eine Entwöhnung herbeigeführt werden.
▸ Die Dosis macht das Gift
Paracelsus (1493–1541)